Menschen, die wie der Autor im Sudden Death des Lebens stehen, neigen dazu, von früheren Zeiten zu schwärmen. Solche Überlegungen sind im Schweizer Eishockey nur bedingt angebracht. In ihrer Jugend mussten sich die heute älteren Semester damit abfinden, dass unsere sportlich biedere Landesauswahl für Pleiten, Pech und Pannen sorgte.
Nach Jahren der Demütigung begeistern und verblüffen heuer die Schweizer Eishockeyaner mit ihren Erfolgen und Auftritten die Fans und die Fachwelt. Die positive Entwicklung der Nati hat viele Gründe, sie hat bestimmt auch mit markanten Trainer-Typen wie Ralph Krueger, Sean Simpson und Patrick Fischer zu tun. Zum fünften Mal seit 2013 und zum dritten Mal infolge kämpfte die Schweiz 2026 um WM-Gold und bot in der Swiss Life Arena ein grandioses Spektakel, zumindest neun Spiele lang.
Am Ende erfüllte sich der Traum vom ersten WM-Gold nicht. Der talentierte finnische Stürmer Konsta Helenius erzielte nach einem dramatischen Final nach 10 Minuten und 42 Sekunden in der Overtime den einzigen Treffer des Abends. Im Zürcher Stadion blieb es ganz still, die Schweizer Spieler, ausgerechnet an diesem 31. Mai mit Ladehemmung, waren geschockt und natürlich schwer enttäuscht. Nur wenig später wurden sie vom fairen Publikum mit Beifall verabschiedet.
Weber: «So eine Stimmung habe ich noch nie erlebt»
Trotz dem Stich der Finnen mitten ins Herz des Gastgebers: Diese WM in der Schweiz bleibt unvergessen, weil die Ambiance und Begeisterung in den beiden Eishockey-Stadien und in den vollen Fanzonen fantastisch waren. Christian Weber weiss gar nicht mehr, wie viele WM-Turniere er als Nationalspieler oder SRG-Experte miterlebte. Der 62-Jährige sagt über diese WM: «So eine enthusiastische Stimmung habe ich noch nie erlebt. Es ist ein riesiges Fest einer grossen Hockey-Familie gewesen, sowohl in Zürich als auch in Freiburg. Man hat miteinander gefeiert, egal, wer gegen wen gespielt hat - und alles ganz friedlich, ohne Hass.» Die ausländischen Besucher zeigten sich ob der tollen Atmosphäre ebenso beeindruckt wie von den modernen Arenen.
Diese WM hatte auch kulturell ihr Gutes: Nun weiss jede Seele in diesem Land, wie sich die von der Mundartband Patent Ochsner besungene Dame «vo Bümpliz» wirklich schreibt: nämlich «W. Nuss» – und nicht Venus. Das Fazit: Büne Huber 1, Duden 0.
Der Teamgedanke an oberster Stelle
Dass sich die Tage im Mai so euphorisch entwickelten, lag an vielen Dingen, auch an der guten Organisation, an den hilfsbereiten Volunteers…und an Maskottchen Cooly. Doch es waren letztlich die Schweizer Leistungen, die das Turnier zur grossen Party machten, Finalniederlage hin oder her. Es gab mehrere Faktoren, die diese Nati auszeichneten. Die homogene Equipe zeigte sich als Inbegriff einer Mannschaft, in der Teamwork an oberster Stelle stand. Wie alle defensiv und offensiv am gleichen Strick zogen, Schüsse blockierten und sich gegenseitig unterstützten, war beeindruckend. «Für mich war es zentral, dass kein einziger Schweizer auf tiefem Niveau spielte, weder die NHL-Spieler noch ihre Teamkollegen aus anderen Ligen. Jeder zeigte sich in Top-Form, keiner fiel ab. Jeder erfüllte seine Rolle im Dienst der Mannschaft, das zeichnet dieses Team aus, das ist ihr Charakter. Natürlich zauberten Künstler wie etwa Roman Josi auf dem Eis. Aber auch jene, die nicht so oft zum Einsatz kamen, waren sofort bereit, wenn sie Eiszeit erhielten», hielt Weber vor dem Final fest. Da war auch noch ein verlässlicher Goalie namens Leo Genoni, der einen neuen Weltrekord in Sachen WM-Shutouts aufstellte.
Alle diese Eigenschaften, die Präsenz der Spieler, ihre Ausstrahlung, diese Mischung zwischen Stars und Arbeitern übertrugen sich auf das Publikum und begeisterten die ganze Nation. Mit dieser Schweizer Nati wollten (oder wollen) sich viele identifizieren. Die Spieler saugten diese Stimmung auf und zahlten es den Fans mit Leidenschaft zurück.
Die Causa Fischer? Beim Turnier kein Thema mehr. Der seriöse und ehrgeizige Jan Cadieux bewies an der Bande, dass er bei der Heim-WM unter grossem Druck vielseitig coachen kann. Dass sein Team im Final einmal mehr torlos blieb, kann ihm nicht angelastet werden. «Wir wollten der Schweiz Gold schenken, aber wir schafften es nicht, unser Eishockey zu spielen», erklärte ein enttäuschter Trainer nach dem 0:1 gegen die (starken) Finnen.
Den Schwung unbedingt mitnehmen
Weber, der in diesem Sommer als Trainer des EHC Dübendorf zu seinen Wurzeln zurückkehrt, ist kein Berufsnörgler. Doch der Ex-ZSC-Stürmer mahnt: «Wir müssen uns bewusst sein, dass sich in naher Zukunft der eine oder andere Routinier vom Nationalteam zurückzieht. Wir haben wenig Junge, die diese erfolgreichen Spieler einfach so ersetzen können.» Die Entwicklung bei den Kindern und Jugendlichen dürfe jetzt nicht verschlafen werden. «Wir müssen die Strategien im Nachwuchsbereich überdenken. Und der Verband und die Vereine müssen den Schwung und die Euphorie dieser Eishockey-WM unbedingt ausnutzen, daraus Kapital schlagen.»
Die Eishockey-WM 2026 soll auch eine Verpflichtung für die Zukunft sein. Und der Traum vom Gold lebt weiter.





























