Spontane Aktionen neben der Bande können immense Bedeutung haben – gerade im Playoff. So geschehen in der Finalserie zwischen Genf/Servette und den ZSC Lions 2008. 0:2 liegen die Löwen gegen die Adler nach knappen Niederlagen (3:4, 2:4) zurück, das dritte Duell ist enorm wichtig, vor allem für die Lions. Der Zürcher Severin Blindenbacher, einer der besten Verteidiger des Landes, leidet unter einer ansteckenden Magen-Darm-Grippe. «Blindenbacher wollte unbedingt spielen, was ja auch verständlich war. Aber wir mussten ihn von den Teamkollegen trennen, sonst hätte das fatale gesundheitliche Folgen für die ganze Mannschaft gehabt», erinnert sich der langjährige ZSC-Teamarzt Gery Büsser. Also kam der «Medizinmann» auf die Idee, den Routinier privat in die Les-Vernets-Halle zu chauffieren. Der Spieler kann sich auf einer Matratze im Subaru-Kastenwagen während der Fahrt ausruhen und wird mit Flüssigkeit und Astronauten-Food versorgt. Später muss sich «Blindi» separat umziehen – im stillen Örtchen der Garderobe.
Die Aktion neben dem Eis zahlt sich aus
Die «Mission Blindenbacher» ist von Erfolg gekrönt. Der Leistungsträger kämpft kreidebleich und mit letzter Energie auf dem Eis, spielt trotzdem hervorragend und zählt zu jenen Faktoren, dass die Zürcher den aufwühlenden Match 3:2 gewinnen und auf 1:2 verkürzen können. Es sei eine Gratwanderung gewesen, urteilt Büsser heute.
Duell Nummer 3 bedeutet die Wende in dieser engen Finalserie. Spiel 4 im Hallenstadion geht ebenfalls mit 3:2 zu Ende, die Lions gleichen zum 2:2 aus. Am 8. April kommt es zum Penaltykrimi in Genf, mit dem glücklicheren Ausgang und dem gleichen Skore für die Zürcher (3:2). Zwei Tage später kann der Aussenseiter im ausverkauften Hallenstadion alles klar machen. Und dieses Spiel sollte punkto Spannung und Dramatik die bisherigen Duelle noch übertreffen.
Die Halle tobt, McSorley auch
Die Partie am 10. April beginnt denkbar schlecht für den Gastgeber. Jan Alston muss für ein Foul mit dem Stock unter die Dusche, Headcoach Harold «Harry» Kreis sieht sich gezwungen, umzustellen. Die im Powerplay starken Genfer erzielen in der fünfminütigen Überzahlphase und unter gellendem Pfeifkonzert nur ein Tor, einmal mehr verteidigen die Löwen ihr defensives Revier mit Biss und Herz. Und Goalie Ari Sulander stoppt mit seiner finnischen Bierruhe alle Pucks, die auf ihn zufliegen.
Mit zunehmender Dauer werden die Gastgeber, unterstützt vom Publikum, stärker, die Chancen mehren sich. Ja, die Gastgeber dominieren die Spieler des impulsiven Genfer Regenten Chris McSorley erstmals. Ryan Gardner erzielt nach einem Schuss von Beat Forster den verdienten Ausgleich (27.). Die Halle tobt, McSorley auch – und nach einem fiesen Akt wird der Macher von Servette von einem Bierbecher getroffen. Der Sünder wird abgeführt, die Gäste sind sauer, Head Kurmann muss die Genfer Bank beschwichtigen.
Und noch ein Penaltykrimi
Bei den Adlern schwinden zunehmend die Kräfte. Nun zeigt es sich, dass das Coaching von Kreis, die Last nicht nur auf die Schlüsselspieler zu verteilen, eine kluge Taktik gewesen ist. Weil der ZSC jedoch die besten Chancen versiebt, kommt es zur Overtime. In dieser jubelt der Zürcher Anhang nach einem Hammer von Forster zu früh, der stämmige Verteidiger trifft nur den Pfosten. Der Sudden Death ist keiner, einmal mehr muss das Penaltyschiessen in diesem Duell entscheiden, damals noch mit je drei Schützen. Domenico Pittis, wie Peter Sejna im Verlaufe der Saison zu den Löwen gestossen, trifft. In der Folge scheitern die Genfer Florian Conz und Juraj Kolnik ebenso wie Adrian Wichser und Thibaut Monnet. Nun läuft Serge Aubin, Wochen zuvor von den Captains und Trainern zu Recht zum MVP gewählt, als Letzter an. Servettes ausgelaugter Leader sammelt seine letzten Kräfte und schiesst – doch Teufelskerl Sulander wehrt erneut ab. Kurz nach 23.20 Uhr brandet in der Halle ein Riesenjubel aus. Der ZSC gewinnt die Serie mit 4:2 und das gegen die Genfer Penaltykönige. Captain Mathias Seger stemmt den Pott in die Höhe. Niemand kann wissen, dass dieser Vorgang zum letzten Mal im Hallenstadion passieren wird. 2012 (in Bern), 2014 (in Kloten) und 2018 (in Lugano) holt der Zett den Kübel nämlich jeweils auswärts.
«Kreis förderte den Teamgeist»
Der Triumph ist eine späte Genugtuung für die Zürcher, die während der Qualifikation nicht richtig auf Touren kamen und nur Sechste wurden. «Harry, fahr schon mal den Wagen vor», titelte das nationale Boulevardblatt in Anlehnung an die TV-Krimiserie «Derrick», als Kreis im Herbst kurz vor der Entlassung stand. Büsser: «Harry tat viel im Hintergrund. Er bewahrte stets die Ruhe und förderte den Teamgeist. Das setzte bei den Spielern Energien frei. Am Ende waren wir eine verschworene Truppe.»


















