Das Schweizer Eishockey hat vor dem Frühling 2012 schon einiges an Emotionen, Spannung, Drama und Nervenkitzel erlebt. Der erste Playoff-Final zwischen dem SC Bern und dem ZSC wird die Sportgeschichte aber noch um einige Kapitel bereichern. Sowohl die Mutzen (5.) als auch die Löwen (7.) blicken auf eine durchzogene Qualifikation zurück, es hat personelle Rochaden und hitzige Diskussionen gegeben. Allerdings zeigt vor dem Final bei beiden Teams die Formkurve deutlich nach oben: Die Berner setzen sich jeweils mit 4:1-Siegen gegen Kloten und Gottéron durch, die Zürcher gar mit zwei Sweeps gegen Davos und Qualisieger Zug.
Und plötzlich steht der Kaminfeger da
Die Affiche zieht das Publikum an: Alle sieben Spiele im «Bärengraben» oder im Hallenstadion werden ausverkauft sein, am Ende verfolgen 102’124 Fans live das Duell, was nationalen Rekord bedeutet. In den Medien sind die Quoten immens. Wie 2001 gegen Lugano liegen die Zürcher in der finalen Serie 1:3 (2:4, 2:1, 0:3, 0:2) zurück. Gewinnt der SCB zu Hause Spiel 5, dann ist er Champion. Für einmal kommt Schützenhilfe nicht von oben, sondern von einem irdischen Kaminfeger: Am Tag vor diesem Schicksalsspiel in Bern taucht ein «schwarzer Mann» namens Ueli Mühlebach im Training in Oerlikon auf und verteilt «Glücksräppler» an die gebeutelten ZSC-Cracks. Selbst der beinharte Löwen-Dompteur Bob Hartley muss für diese aussergewöhnliche Motivationsspritze schmunzeln.
Mühlebach, dessen Hockey-Herz eigentlich für Kloten schlägt, hat dank seiner Aktion die Göttin Fortuna überzeugt. Verteidiger Mathias Seger trifft tags darauf, als sich viele Berner Supporter schon auf den «Chübel» gefreut haben, in der Verlängerung zum 2:1 für den ZSC. Im nächsten Heimspiel fertigen Hartleys Männer den favorisierten Gegner 6:3 ab – das Zürcher Publikum ist ob der Vorstellung seiner Lieblinge begeistert.
Die Fairness der Berner
Aber die Dramaturgie in dieser intensiven Serie wird noch gesteigert. In der Finalissima ist der von Trainerneuling Antti Törmänen gecoachte SCB 40 Minuten lang die dominierende Equipe, wobei Gäste-Goalie Lukas Flüeler glänzend spielt. Aus Berner Sicht steht es nach Toren von Mark Bastl und Ivo Rüthemann nur 1:1. Unter Hartley, in der Szene als «harter Hund» bekannt, haben seine Spieler gelernt, an ihrer Kondition, Konzentration und Einstellung zu feilen. Ab dem dritten Drittel nehmen die Zürcher das Spiel in die Hand, und als alle mit einem Sudden Death rechnen, passiert es: Die Davoser Rakete im ZSC-Dress, Andres Ambühl, kämpft sich kurz vor Schluss noch einmal hinter dem SCB-Tor vor und irgendwie landet der Puck beim vorgerückten Kanadier Steve McCarthy, der mit seinem ersten Playoff-Goal das 2:1 schiesst – 2,5 Sekunden vor dem Ende! Die einheimischen Spieler und Fans sind geschockt. Berns Goalie Marco Bührer moniert eine Behinderung durch Ambühl. Head Danny Kurmann schaut sich die Szene minutenlang am Video an…und gibt den Treffer. Der Jubel im Zürcher Lager nach bangen Minuten ist grenzenlos, die Enttäuschung bei den Bernern ebenso. Nun ist es offiziell: Der ZSC gewinnt das siebte Duell 2:1, die packende Serie 4:3 und McCarthy, im Oktober 2011 als Ersatzmann engagiert, hievt sich in die Liste der Meisterschützen.
Dann passiert etwas, was in den Jahren zuvor nicht immer in Schweizer Sportstadien geschehen ist: Die Berner Fans sorgen weder für Tumult noch für ein gellendes Pfeifkonzert; nein, im Gegenteil: Ein grosser Teil der Zuschauenden bleibt in der Halle und verfolgt, wenn auch mit traurigen Augen, die Übergabe des Pokals an ZSC-Captain Mathias Seger. Es gibt sogar Applaus für die Gäste. Seger wird später erklären, wie beeindruckt er von der Fairness des Berner Anhangs gewesen sei. Auch die SCB-Spieler hätten sich sehr sportlich verhalten. Er selbst erhält nach dem Spiel von Marco Bührer sogar ein Bier.
Der Meister der Herzen
Im Kommentar zum neuen Meister schreibt die Online-Ausgabe des «Tages-Anzeigers» mit dem Titel «Der Meister der Herzen»: «Die Zürcher haben mit ihren Leistungen, ihrem solidarischen und disziplinierten Auftreten und mit ihrem Einsatz die Herzen der Supporter und der Bevölkerung wieder zurückgewonnen sowie für eine Euphorie in der Stadt gesorgt. Dass im grossen Kader mehr als ein Dutzend Spieler aus dem eigenen Nachwuchs stammen, erhöht die Identifikation der Fans mit dem Team gewaltig.»
Dieser Titel ist auch neben dem Eis bemerkenswert. Als Seger nach langer Nacht am frühen Morgen mit dem Pott im Arm das Tram benutzt, wird er von einem Passanten geknipst. Dieser schickt das Bild an «20 Minuten», nur wenige Stunden erblickt man das Foto landesweit. Die VBZ ist später intelligent genug, um mit dem Schnappschuss eine schlaue, ja meisterliche Werbekampagne zu lancieren.
Auch das gehört zum Playoff 2012: Die ZSC Lions und der ÖV sorgen für einen neuen Aspekt der Rudelbildung.























